Castan's Panopticum

 

Das Wachsfigurenkabinett der Marie Tussaud (1761-1850), seit 1802 unterwegs in England und seit 1835 stationär in London, war nur einer der Impulsgeber für das akademisch gebildete Berliner Brüderpaar Louis Castan (1828-1908) und Gustav Castan (1836-1899), im jungen deutschen Kaiserreich etwas Ähnliches zu wagen. Sie schufen in den frühen Jahren Berlins als deutscher Reichshauptstadt jedoch deutlich mehr: ein Panopticum. Eine Allesschau.

 

                             

Katalog, undatiert, vor 1888                             

 

Lebensgroße, porträthaft gestaltete Wachsfiguren preußischer, deutscher und ausländischer Persönlichkeiten sowie berühmter und berüchtigter Zeitgenossen machten neben den genrehaft dargebrachten wächsernen Szenerien aus dem Volksleben und plastischer Nachbildungen berühmter Gemälde den Hauptanteil der Exponate aus.

 

                             

Katalog, undatiert, nach 1899                             

 

Historische Alltagsgegenstände und Teilnachlässe berühmter Personen, Originaldokumente und Autographen, Kriegsbeute und Trophäen, Waffensammlungen, ethnographische Sammlungen, Fossilien, gipserne Totenmasken sowie kolorierte Gesichtsabformungen von lebenden Vertretern europäischer und außereuropäischer Völker, sog. Lebendmasken, präparierte Tiere, Automaten, Gemälde, optische Illusionen, Trachtensammlungen, aktuelle technische Errungenschaften, historische Fußbekleidungssammlungen, Raritäten und Kuriositäten – auch Banalitäten – gehörten ebenfalls dazu.

 

                             

Postkarte, gelaufen 1901                             

 

Neben im Panoptikum ausgestellten wächsernen medizinisch-anatomischen Modellen und Moulagen wirkte vor allem die Schreckenskammer mit ihren lebensgroß porträtierten Mördern samt deren wächserner Opfer als Besuchermagnet. Auch die hier gezeigten originalen Richtschwerter, Folterinstrumente und Verbrechenswerkzeuge zogen seit den 1890er Jahren an einem einzigen Wochenende bis zu 10.000 Besucher in die Räume der Castans.

 

Neben der ständig erweiterten und aktualisierten Dauerausstellung traten, oft wechselnd und in speziellen Räumen, lebende Menschen auf: Sänger, Tänzer, Instrumentalgruppen, Bauchredner oder Hungerkünstler, Dicke und Dünne, Riesen und Zwerge, abnorm Behaarte oder Andere, die körperlich etwas zu viel oder etwas zu wenig zu bieten hatten.

Selbst lebende Tiere, oft vermittelt durch Karl Hagenbeck (1844-1913), konnten hier ungestört in Augenschein genommen werden.

 

                             

Katalogrückseite, undatiert, 1878/1888                             

 

Ein erstes Bild machen konnte man sich auf Castans Bühnen auch von fremden Völkern und Rassen. Einzeln oder in Gruppen wurden sie, mal mehr und mal weniger inszeniert, vorgeführt. Selbst wenn Theodor Fontane (1819-1898) in seinem Alterswerk „Der Stechlin“ die Panoptikumbildung scheinbar abschätzig mit Halbbildung gleichsetzte – angeschaut hat auch er sich die Fremden im Panoptikum. Für Rudolf Virchow (1821-1902) und seine Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte stellte die persönliche Anschauung anderer Menschentypen und -rassen in Castans Räumen oder in denen der Charité ein wissenschaftliches Muss dar. Beschreibende und erklärende Berichte darüber gingen für immer in die Populär- und Fachliteratur ein. Millionen von Berlinern, Brandenburgern und Touristen haben sich an diesen Schaustellungen ergötzt – vom Kaiser bis zum Demokraten.

 

                              

 

                             

Anzeigen in der Vossischen Zeitung, 27.5.1877 und 16.2.1884                             

 

Zur Geschichte Berlins gehört auch, dass es CASTAN’S PANOPTICUM seit 1922 nicht mehr gibt. Die jüngere Konkurrenz, das 1888 eröffnete Berliner Passage-Panoptikum, musste 1923 schließen. Als Impulsgeber für die deutsche Laien- und Künstlerszene blieben beide jedoch auch über den Untergang hinaus gebannt – im überlieferten Œuvre verschiedenster Künstler und Künste sowie in Werken von Journalisten und Schriftstellern. Zahllose Menschen sind von einem Besuch in CASTAN’S PANOPTICUM oder dem Berliner Passage-Panoptikum dazu inspiriert worden, sich über die dort erhaltenen Eindrücke in Reisebeschreibungen, Briefen oder Tagebüchern zu äußern. Schließlich geht auch ein bedeutender Teil damaliger künstlerischer Reflexion oder späterer Rezeption zum Thema „Wachs“, „Wachsfigur“ oder „Wachsfigurenkabinett“ und „Panoptikum“ auf das Lebenswerk der Berliner Bildhauerbrüder Louis und Gustav Castan zurück.

 

                             

Postkarte, gelaufen 1910                             

 

Auch wenn 1922 und 1923 die Existenz beider Berliner Panoptika endete – die Existenz ihrer öffentlich versteigerten Sammlungen endete nicht: bis heute existieren Büsten, Figuren und Objekte, erkannt oder unerkannt als Atelierarbeiten der Bildhauer Louis, Gustav, Maurice und Robert Castan, verstreut in öffentlichen Museen und privaten Sammlungen.

Das 1972 eröffnete Berliner Panoptikum am Ku´damm, Ecke Joachimstaler Straße, zeigte Einiges aus dem kultur- und medienhistorisch inzwischen bedeutend gewordenen Sammlungsbestand bis 1996. Seit 2013 war der fragmentarisch überlieferte Bestand des früheren CASTAN’S PANOPTICUM im Panoptikum Mannheim erneut zugänglich. Es schloss seine Pforten bereits 2014 wieder. Die historischen Wachse und Gipse sind 2014 erneut verkauft worden, weltweit; die Sammlung als Ganzes ist seit 2015 für Publikum und Wissenschaft verloren.